Die Bedeutung von Wasser in der
indischen Naturheilkunde, der Ayurveda
– gestern und heute –
Ein Beitrag von Andrea Zoller
Inhaltsangabe
WASSER, DAS WIR SIND
I. Sāṁkhya Philosophie als Grundlage der ayurvedischen Therapie
– Mahābhūta, Wasser als Element
– Dhātu, Körpergewebe
– Srotas, Körperkanäle
– Agni, das Verdauungsfeuer
– Āma, das Unverdaute
– Mala, die Abfallprodukte
II. Geschmack und Eigenschaft des Wassers im Ayurveda
– Rasa, der Geschmack und
– Guna, die Eigenschaften von Wasser
– Vīrya, die thermische Wirkung
III. Flüssige Zubereitungsformen des Wassers–
Pānīya – medizinisch genutztes Wasser
– Uṣṇodaka – gekochtes Wasser
– Śītodaka – gekochtes und danach abgekühltes Wasser
Kochen mit Wasser in der täglichen Küche
– Tāṇḍūlodaka – Reiswasser
– Kṣīrapāka – Medizinierte Milch
– Herkunft und Jahreszeit
WASSER, DAS UNS HEILT
I. Waser als Therapeutikum
– Dinacaryā, die tägliche Reinigung
– Wasser als Trägersubstanz während den verschiedenen Jahreszeiten
– Dravadravya, Wasser als Trägersubstanz für Heilpflanzen
– Pānīya und die Eigenschaften von Uṣṇodaka
– Kṣīrapāka – Medizinische Milch
– Mediziniertes Wasser – Beigabe von Heilstoffen
- Themenbezogenes Glossar
Einleitung
Wasser spielt im Ayurveda, dem indischen Medizinsystem, wie auch in vielen anderen traditionellen Heilverfahren eine große Rolle.
Bevor man sich den verschiedenen Aspekten des Wassers zuwendet, bedarf es eines kurzen Einblicks in die Welt des Ayurveda, der Lehre von einem langen Leben (Ayuṣ- das lange Leben, veda – Wissen).
In der indischen Kultur (vor allem im Hinduismus und Buddhismus) wurde schon immer ein sehr enger Kontakt zum Wasser gepflegt. Wasser als Religion, ein Ort der Riten und der Heilung.
Die Kumbha Mela zum Beispiel ist die größte Wallfahrt der Welt, die in Prayag (Allahabad) am Zusammenfluss der beiden sichtbaren Ströme Ganges und Yamuna, zusammen mit dem dritten unsichtbaren Strom Sarasvati stattfindet. Dorthin kommen Tausende von Pilgern, um ein heilendes Bad zu nehmen. Die größten religiösen Feste finden an den Ufern des Ganges in Städten wie Varanasi, Prayag, Rishikesh oder Haridwar statt.
Ayurveda basiert auf dem philosophischen System des Sākhya, einem der sechs philosophischen Systeme Altindiens. Dort wird die hierarchische Entstehung der Elemente der Welt beschrieben, ein Vorgang, der sich auch im Körper wiederspiegelt.
Die heilende Wirkung von Wasser spielt im Ayurveda eine wichtige Rolle. Wichtig für die Therapie sind die unterschiedlichen Wirkungen von heißem und kaltem Wasser und welche Art von Wasser für welche Menschen am besten ist.
Das Trinken von heilkräftigem Wasser und täglich reinigende Anwendungen mit Wasser spielen in der ayurvedischen Therapie und im indischen Alltag ist ein gutes Beispiel dafür.
In einem Grundlagenwerk des Ayurveda, der Cāraka Samhitā (gesprochen Tscharaka Samhita – entstanden ca. 200 v.Chr. und 200 n.Chr.), werden u.a. ausführlich die verschiedenen Reinigungsverfahren beschrieben, wie man verunreinigtes Wasser wieder zu einer trinkbaren Substanz herstellen kann und wie Regenwasser aufgefangen und therapeutisch nutzbar gemacht werden kann.
Suśruta und Cāraka, die beiden Begründer des Ayurvedas, schrieben zwar noch nicht über Umwelteinflüsse auf Wasser, aber sehr wohl, was es bedeutet, aus welcher Umgebung, ob aus Gebirge, aus der Ebene, aus Regionen mit viel Wald, aus Moorlandschaften, oder aus einer Steppenlandschaft ein Wasser stammt und welche unterschiedliche Wirkungen es deshalb besitzt.
Sie zeigen deutlich, welche Unterschiede es macht, ob man in einer wasserreichen oder wasserarmen Gegend lebt und welche Auswirkungen dies, zum Beispiel auf die drei Doṣas hat.
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Nach ayurvedischer Ansicht hängt nämlich die Gesundheit vom Gleichgewicht der drei Doṣas ab:
• Vāta Doṣa – dem Bewegungsprinzip
• Pitta Doṣa – dem Doṣa der Transformation und dem
• Kapha Doṣa – das Element, das uns stabilisiert.
Ein weiterer wichtiger Aspekt des Wassers betrifft die Art seine Herkunft, wie etwa als Regen-, Brunnen- oder Quellwasser und die damit einhergehenden unterschiedlichen Eigenschaften und Geschmacksrichtungen.
Um saisonale Erkrankungen zu vermeiden, dient Wasser zudem als Trägersubstanz für Heilpflanzen und andere Doṣa-Störungen ausgleichende Drogen, wie zum Beispiel Honig, Rohzucker oder verschiedene Sorten von Salzen.
Ausführlich beschrieben werden in ayurvedischen Schriften auch Aufbe-wahrung und Kühlung von Trinkwasser.
A WASSER, DAS WIR SIND
Sāṁkhya- Philosophie
Sāṁkhya bedeutet so viel wie ‚Aufzählung‘ und meint die Aufzählung der Elemente,
aus denen die Welt besteht.
Die Aufzählung beginnt mit den je fünf subtilen Elementen:
Tanmātras – 5 subtile Elemente
Akasha, Vāyu, Tejas, Jal und Pṛthvī und entwickelt sich weiter zu:
Mahābhūtas – 5 physisch wahrnehmbaren Elementen
Äther, Luft, Feuer, Wasser und Erde
Jāñendriyas – 5 Sinnesorganen
Ohre, Haut, Zunge Auge, Nase und Mund
Indriya – 5 Organe der Wahrnehmung
Hören, Fühlen, Sehen Riechen, Schmecken
Karmendriyas – 5 Organen der Bewegung
Mund, Hände, Beine, Genitalien, Anus),
Mahābhūta – Elemente
Die Sāṁkhya-Philosophie besagt, dass die unsichtbaren Elemente des Universum (Tanmātras) sich in gleicher Form als sichtbare Elemente (Mahābhūtas) in allem was wir in der Welt sehen und wahrnehmen können, sich auch in unserem Körper, wiederspiegelt!
Dies reicht von absoluter Beweglichkeit, (vāta), wie der Atem, über die Transformation (pitta) der Stoffwechsel, bis hin zur kompakten Festigkeit (kapha) der Gewebeaufbau.
Das Element Wasser Jala zum Beispiel, wird als flüssig, bindend und verdichtend beschrieben. Wasser wird zudem mit dem Geschmackssinn assoziiert, denn ohne Feuchtigkeit kann die Zunge nicht schmecken.
Doṣas
Aus den 5 grobstofflichen Elementen, den Mahābhūtas, entwickeln sich
3 Grundenergien: Vāta, Pitta und Kapha:
Aus Äther und Luft wird Vāta,
aus Feuer und Wasser wird Pitta und
aus Wasser und Erde wird Kapha gebildet.
Sind die Doṣas in Balance, haben sie wichtige Funktionen auszuführen und halten den Körper gesund.
Sind sie gestört, dann machen sie uns krank:
- Vāta doṣa – das Prinzip der Bewegungsprinzip („Wind-Element“)
bringt Trockenheit und Ruhelosigkeit in den Körper - Pitta doṣa – dem doṣa der Transformation („Galle-Element“)
bringt Entzündungen und Hitze in den Körper - Kapha doṣa – Element, das uns stabilisiert („Schleim-Element“)
bringt Verschleimung und Kälteerkrankungen in den Körper.Von diesen drei krankmachenden Faktoren sind Galle und Schleim als flüssig
zu betrachten.
Dhātus
Rasa, um nur eines der der sieben Gewebearten, Dhātus, zu beschreiben, ist Plasma. Es ist wässrig, ähnelt Kapha, das den Elementen Wasser und Erde zugeordnet ist und befindet sich vor allem im Lymphsystem. Ein direkter Zusammenhang besteht zur Brustmilch, der Gebärmutter, Menstruation und Flüssigkeit der Prostata.
Das wässrige Plasma – und die Entwicklung von Wasser in unserem Körper
Die brauchbaren Teile der Nahrung werden in unserem Körper also zunächst in das wässrige Plasmagewebe (Rasa), umgewandelt.
Ein Teil des Plasmas wird weiter zu Blut (Rakta) umgewandelt, wiederum ein Teil des Blutes in Muskeln (Masa). Weiter geht es mit der Entstehung von Fett (Medas), Knochen (Asthi), Knochenmark/Nervensystem (Majja) und dem Fortpflanzungsgewebe (Śukra).
Jedes Gewebe geht aus dem zuvor genannten hervor; bei jeder Umwandlung wird Substanz und Lebensenergie konzentriert, so dass das Fortpflanzungsgewebe das gehaltvollste und wertvollste Gewebe ist. Stellt man sich bildlich einen Brunnen, bestehend aus 7 Ebenen, vor, kann man sich diesen Vorgang leichter vorstellen.
Srotas, – die Körperkanäle, Zufuhr wertvoller Bestandteile
Die Kanäle unseres Körpers, im Ayurveda nennt man sie Srotas, versorgen den Körper mit Atem, fester Nahrung und Wasser. Zudem hat jedes Gewebe und jedes Abfallprodukt seinen eigenen Körperkanal.
Zum Beispiel sitzt „Udaka Vaha Srotas“ am Gaumen und in der Bauchspeicheldrüse, befördert das Wasser, reguliert den Stoffwechsel des Wassers und steuert die Aufnahme von Wasser und wasserhaltigen Nahrungsmitteln. (Udaka bedeutet: Wasser und andere flüssige Substanzen).
Agni
Die treibende Kraft im Stoffwechsel nennt die ayurvedische Medizin Agni oder Verdauungsfeuer. Einer der Hauptaufgabe von Agni, dem Verdauungsfeuer, ist, die Nahrung, von dem Einspeicheln der Nahrung bis hin zur Ausscheidung, bestmöglich zu verarbeiten.
Āma
Das „Unverdaute“, Abbauprodukte des Stoffwechsels, im Ayurveda Āma genannt, entstehen durch die Zellatmung (bei der wie bei der Lungenatmung O2 verbraucht und CO2 freigesetzt wird), die Fettverbrennung oder das Verbrennen von Kalorien (bei beiden wird wie beim normalen Feuer O2 verbraucht und Energie frei).
Mala
Durch 3 große Kanäle werden die Abfallprodukte, Mala, mit Hilfe von Wasser aus dem Körper wieder heraus transportieren:
• Srotas, Abtransport der Schlackenstoffe
Die bei dieser Verbrennung entstehende Abfallprodukte, die Schlackenstoffe, können, außer bei den Atemwegen, mit Hilfe von Wasser abtransportiert werden wie Lymphe, Schweiß oder Blut.
- Purīṣa vaha srotas – sitzt am Dick- und am Mastdarm und befördert den Stuhl nach außen. Es ist einer der größten Kanäle. (Erst zum Schluss wird dem Stuhl das Wasser im Dickdarm entzogen).
• Mūtra vaha srotas – sitzt an der Blase und den Nieren und befördert den Urin durch das Harnleitungssystem.
- Sveda vaha srotas – sitzt in den Haarfollikeln und dem Fettgewebe und befördert den Schweiß nach außen.
- Geschmack und Eigenschaft des Wassers im Ayurveda
Rasa, Wahrnehmung
Auch Geruch- und Geschmackssinn hängen mit Wasser zusammen: Wässrige Substanzen sind in ihrer Eigenschaft neben der Geschmacksrichtung süß auch salzig und sauer.
Guṇa, Eigenschaft
Bezüglich seiner Eigenschaft ist Wasser leicht und klar und kann für alle Arten von Erkrankungen empfohlen werden. Auf den Körper wirkt Wasser im Ayurveda befeuchtend, ölend, verbindend, aber auch lösend, angenehm und kühl.
Vīrya, die thermische Wirkung
Zuerst gekochtes und anschließend abgekühltes Wasser, Śītodaka, wird einer Person zum Trinken angeboten, die an Erkrankungen leidet, die auf ein gestörtes Pitta oder auf einen Missbrauch von Alkohol zurückzuführen sind.
Abgekochte Wasser nennt man im Ayurveda Uṣṇodaka, ‚erhitztes Wasser‘. Es wird allgemein bei Störungen verwendet, die durch Vāta oder Kapha verursacht wurden.
Ayurveda sagt, durch das tägliche Trinken von abgekochtem Wasser, man bis zu 80 % aller Erkrankungen abwenden kann. Der Grund hierfür ist, dass das abgekochte Wasser eine sehr starke „tri doṣa pāchana“ Wirkung hat. Das heißt, dass alle doṣas Vāta, Pitta und Kapha dadurch ausbalanciert werden.
III. Flüssige Zubereitungsformen des Wassers
Wasser zählt zu den wichtigsten Therapeutika der ayurvedischen Ernährungs-therapie, sagen die großen Gelehrten des Ayurvedas Śusrutra und Dravavidhi.
So wird behauptet, dass bereits die regelmäßige Zufuhr von reinem gekoch-tem Wasser eine Reihe von Beschwerden beseitigt.
Pānīya – medizinisch genutztes Wasser
Damit Wasser seine ganze Kraft entfaltet, muss es allerdings richtig zubereitet
werden. So sollte das Wasser mindestens 15 Minuten bei 100 °C gekocht
werden, um als Heilmittel seine alchemistische Kraft zu entfalten. Es stimuliert den Stoffwechsel (agni), reinigt die Gefäße (srotas) und ist eines der besten Mittel gegen Übergewicht. Doch das Geheimnis für die Heilkraft liegt in der Qualität des Wassers und der richtigen Zubereitung.
Uṣṇodaka – gekochtes Wasser
Reines Wasser wird so lange gekocht, bis die Hälfte, ein Viertel oder ein Achtel verbleibt. Auf vāta wirkt Wasser besänftigend, wenn es auf ein Dreiviertel seiner Menge reduziert wird. Pitta wird durch eine auf die Hälfte reduzierte und kapha durch eine auf ein Viertel reduzierte Menge besänftigt.
Dieses so stark reduzierte Wasser wird als gesundes Wasser (arogyāmbu) bezeichnet und als besonders heilungsfördernd beschrieben.
Śītodaka – gekochtes und danach abgekühltes Wasser
Bei einer kühlenden Maßnahme wird zuvor gut abgekochtes Wasser wieder
abgekühlt und einer Person zum Trinken angeboten. Die kühlende Eigen-schaft des abgekochten Wassers wirkt gegen Beschwerden, die auf ein gestörtes pitta zurückzuführen sind.
Wasser für eine gute Verdauung
Entscheidend für eine gute Verdauungskraft ist der Zeitpunkt des Trinkens –eine kleine Menge Wasser vor dem Essen getrunken reduziert das Gewicht,
zum Essen fördert es die Verdauung, niemals getrunken werden sollte es direkt nach dem Essen.
Wer das heiße Wasser zur Gewichtsreduktion einsetzen möchte, sollte es auf folgende Weise zubereiten:
1 Liter Wasser zur Hälfte einkochen und dann im warmen Zustand trinken.
Mediziniertes Wasser
Wasser ist in der Ayurveda-Medizin ein Heilmittel und ein wichtiger Zusatz bei der Einnahme von Heilkräutern und Zubereitungen. Hier werden die zerkleinerten Heilpflanzen wie Ingwer oder Kardamom so lange in Wasser gekocht, bis nur noch 20 Teile der Ursprungsmenge übriggeblieben sind.
In Kombination mit etwas Steinsalz wirkt die Wassersuppe aufbrechend und schlackenlösend, mit fettigen Substanzen versetzt hingegen aufbauend und gewebenährend.
Kochen mit Wasser in der täglichen Küche
Das Kochen mit Wasser ist eine Kunst für sich, denn in Wasser gekochte
Speisen, wie Reissuppe oder Gemüsebrühe, werden als spezielle Heilkost
zur Reinigung und sanften (manda) Therapieeinleitung verwendet.
Tāṇḍūlodaka – Reiswasser
80 g Reiskörner werden grob zermahlen und in eine Schale mit der vierfachen Menge an Wasser (320 ml) gegeben.
Nach einiger Zeit wird das Wasser abgegossen. Dieses Reiswasser ist auch die erste »Nahrung« nach der Muttermilch, die ein Säugling in Indien bekommt, um einen ersten Kontakt mit »fester Nahrung« zu bekommen.
Kṣīrapāka – Medizinierte Milch
1 Teil zerriebene Pflanzenteile wird mit 8 Teilen Milch und 32 Teilen Wasser gekocht, bis nur noch Milch übrigbleibt.
Herkunft und Jahreszeit
Je nach Herkunft des Wassers – aus einem Brunnen, einer Gebirgsquelle,
einem Fluss, als Regenwasser oder als geschmolzener Schnee – hat es unterschiedliche Eigenschaften und Wirkungen auf die doṣas. Auch die Kochzeit auf dem Feuer oder die Jahreszeit geben dem Wasser eine eigene Kraft.
Wir sollten versuchen, möglichst gutes Wasser zu finden, das kein Chlor, viel
Nitrat oder übermäßig viele Mineralien und Spurenelemente aufweist. Es sollte nicht durch lange Versorgungsleitungen geflossen sein, sondern möglichst aus artesischen Quellen stammen und keine Kohlensäure enthalten.
B WASSER, DAS UNS HEILT
Das Thema Wasser als Therapeutikum oder Trägersubstanz hat im Ayurveda eine große Bedeutung.
- a) Dinācārya, die tägliche Routine
Eine der täglichen Routinen ist das Reinigen der Nase mit Wasser Jalaneti.
die Nasenspülung. Mit Hilfe eines Kännchens wird Wasser in die Nase zugeführt. Die Anwendung wirkt präventiv auf alle Krankheiten im Kopfbereich, die Nase wird durch das Wasser gereinigt, was das Atem-geschehen unterstützt. Über Jalaneti kommt Prāµā, der Atem in den Geist, sorgt für Klarheit und ist die Pforte zum Geist.
- b) Wasser als Trägersubstanz während den verschiedenen Jahreszeiten
Um saisonale Erkrankungen zu vermeiden, dient Wasser zudem als Träger-substanz für Heilpflanzen und andere doṣa-Störungen ausgleichende Drogen, wie zum Beispiel Honig, Rohzucker oder verschiedene Sorten von Salzen.
- Im frühem Winter, November und Dezember, sollte man für alle Reinigungsprozesse warmes Wasser benutzen und mit Ingwer (Zingiber officinale) würzen.
• Im spätem Winter, Januar und Februar, sollte das Wasser mit Nussgras (Cyperus rotunds), langem Pfeffer und Ingwer (Zingiber officinale) gekocht werden Nussgras und Ingwer haben eine verdauungsfördernde Eigenschaft, der lange Pfeffer dient als Tonikum für die Atemwege.
- Im Frühjahr, März und April, wird Wasser mit Honig angereichert. Honig hat eine reduzierende Eigenschaft auf Kapha, das in diesen Monaten gestört sein kann.
• Im frühen Sommer, Mai und Juni, sollte man dem Wasser Rohzucker beigemengen und den Konsum von alkoholischen Getränke vermeiden. Wenn doch, sollte man eine große Menge Wasser hinzufügen.
- In der Regenzeit, Juli und August, wird dem Wasser schwarzes Salz beigemengt.
• Im Herbst, September und Oktober, können mit Zucker gesüßte Getränke,
angereichert mit mediziniertem Ghee, das bitter im Geschmack ist, gereicht
werden.
- c) Trinken von heilkräftigem Wasser
Dravadravya-vidhi
Wasser ist nur ein Teil der bei Śusrutra aufgelisteten flüssigen Speisen und Getränke die in dem Kapiteln Dravadravya-vidhi erläutert werden.
- Pānīya und die Eigenschaften von Uṣṇodaka
Pānīya wird im Ayurveda die innere Anwendung von Wasser genannt; spricht man aber von abgekochtem Wasser, heißt das Uṣṇodaka. Ein abgekochtes Wasser ist appetitanregend, erwärmend. fettfrei, schleimlösend und harntreibend. Generell wird empfohlen, das Wasser so lange zu köcheln, bis ein Achtel, ein Viertel oder die Hälfte verbleibt. - Kṣīrapāka – Medizinische Milch
1 Teil zerriebene Pflanzenteile wird mit 8 Teilen Milch und 32 Teilen Wasser gekocht, bis nur noch Milch übrig bleibt. [1] Tāṇḍūlodaka – Reiswasser
80 g Reiskörner werden grob zermahlen und in eine Schale mit der vierfachen Menge an abgekochten Wasser (320 ml) getan. Nach einiger Zeit wird das Wasser entfernt. Dieses Reiswasser ist auch die erste „Nahrung“ nach der Muttermilch, die ein Säugling in Indien bekommt, um einen ersten Kontakt mit „fester Nahrung“ zu bekommen.
- Mediziniertes Wasser – Beigabe von Heilstoffen
Hier wird Wasser mit einer zerkleinerten Heilpflanze, wie Ingwer oder Kardamom, so lange gekocht, bis nur noch bis 20 Teile der Flüssigkeit übrig geblieben ist.
Physikalisch erklärt
Durch das Erwärmen wird Wasser noch weicher und kann leichter vom Körper aufgenommen werden. Durch das Erwärmung des Wassers wird die Clustergröße deutlich verringert, so dass das Wasser deutlich mehr bindende Funktion, also eine erhöhte Bindungskapazität gegen Schadstoffe entwickelt und dadurch reinigender wird. Die Temperatur tut natürlich sein Übriges.
Aber probieren Sie einfach mal aus, zwei Wochen lang alle halbe Stunde eine halbe Tasse heißes Wasser zu trinken.
- Themenbezogenes Glossar
Sāṁkhya Philosophie
Die Sāṁkhya-Philosophie ist einer der wichtigsten vedischen Schriften. In der indischen Tradition unterscheidet man sechs philosophische Systeme, u.a. Sāṁkhya und Yoga, wobei hier beide auf Erlösung ausgerichtet sind.
Ayurveda
Das Wissen vom langen Leben ( āyuṣ- das lange Leben, veda ).
Cāraka
Mitbegründer des Ayurvedas, der vor mehr als 2000 Jahren lebte.
Suśruta
Suśruta war einer der wichtigsten Gelehrten und Chirurg der ayurvedischen Medizin.
Cāraka Samhitā
ein Grundlagenwerk des Ayurveda, entstanden ca. 200 v.Chr. und 200 n.Chr
Tanmātras
feinstoffliche Elemente, wie Ākāśa, Vāyu, Tejas, Āp , Pr̥thvi
Mahābhūta
grobstoffliche Elemente, wie Äther, Luft, Feuer, Wasser und Erde.
Doṣas
drei biologischen Kräfte:
Vāta
Vāta besteht vorwiegend aus den Elementen Luft und Raum und setzt alle Bewegungsabläufe in Gang, zum Beispiel den Transport der Nahrung, die Atmung
oder den Herzschlag.
Pitta
Pitta besteht überwiegend aus den Elementen Feuer und Wasser. Es regelt die Verdauung der Nahrung und die Körpertemperatur und färbt das Blut rot.
Kapha
Kapha setzt sich vorwiegend aus den Elementen Erde und Wasser zusammen, strukturiert und formt die Materie. Es formt den Körper, verleiht ihm Stabilität, Festigkeit und Flexibilität.
Dhātus – Körpergewebe
1. Rasa Blutplasma
2. Rakta Blutserum
3. Māsa – Muskel (wörtlich übersetzt: Fleisch)
4. Medas – Fett
5. Asthi – Knochen
6. Majjan – Knochenmark/Nervensystem
7. Śukra – Fortpflanzungsgewebe
Srotas – Körperkanäle der Ausscheidungsprodukte, Mala
Purīṣa vaha srotas
• Einer der größten Kanäle. sitzt am Dick- und am Mastdarm und befördert den Stuhl nach außen.
Mūtra vaha srotas
• Dieser Körperkanal sitzt an der Blase und den Nieren und befördert den Urin durch das Harnleitungssystem.
Sveda vaha srotas
• dieser Kanal sitzt im Fettgewebe und in den Haarfollikeln und befördert den Schweiß über die Haut nach außen.
Die Verdauung betreffend
Agni
Mit „Agni“ (‚[Verdauungs]-Feuer‘) charakterisiert der Ayurveda alle Stoffwechselvorgänge im Körper. Der legendäre Ayurveda-Arzt Charaka sagt: „Agni ist verantwortlich für den ganzen Lebensprozess, für das Aussehen, die Hautfarbe, für die Stärke, Tatkraft, Energie, Gesundheit, für den Aufbau von Gewebe (Dhātu), Lebensessenz und Immunsystem (Ojas), die Körpertemperatur und für den Lebensatem.“
Āma
Wenn Agni, das Verdauungsfeuer gestört wird, bildet sich „Āma“ (unverdaut, halbverdaut, unreif). Es sammeln sich krankmachende Stoffe im Körper.
Mala
Ausscheidungsprodukte wie Urin, Kot und Schweiß.
Heilende mit Wasser verbundene Getränke
Dravadravya-vidhi
beschreibt die Eigenschaften verschiedener Arten von Flüssigkeiten wie Wasser, Milch, Butter, Buttermilch, Ghee, Öle, Zuckerrohr und Getränke, darunter:
• Kṣīrapāka -Medizinische Milch
• Pānīya – Wasser
• Śītodaka – abgekühltes Wasser
• Tāṇḍūlodaka – Reiswasser
• Udaka – Wasser und andere flüssige Substanzen
• Uṣṇodaka – erhitztes Wasser
Geschmack, Eigenschaften und Thermik
Guṇa – Eigenschaften
Die ayurvedische Medizin kennt 20 Eigenschaften, die zehn Gegensatzpaare bilden. Diese Eigenschaften sind Grundbegriffe, mit denen jede Materie beschrieben werden kann.
Beispiele der gegensätzlichen Paare sind: schwer und leicht, kalt und heiß, ölig und trocken, stumpf und spitz.
Rasa, der Geschmack
Eine der Besonderheiten in diesem System ist das Erkennen von Materie und ihrer Qualitäten auf Grund von „Rasa“, dem Geschmack: süß, sauer, salzig, scharf, bitter und herb. Jede dieser Geschmacksnuancen wird von zwei der fünf Elemente – Äther, Luft, Feuer, Wasser oder Erde – bestimmt.
Vīrya -Thermik
Ob etwas eine erhitzende oder kühlende Eigenschaft hat. wird im Ayurveda als Vīrya bezeichnet. Für die Auswahl einer Heilpflanze, oder auch einer therapeutischen Anwendung ist dies ein wichtiges Auswahlkriterium.
Dinacaryā –tägliche Routine
Wie sich ein Tage entwickelt, entscheidet sich zum großen Teil, wie wir ihn am frühen Morgen empfangen. Haben wir uns die Zeit genommen, uns mit all unseren Sinnen, unseren Sinnesorganen und unseren Gedanken auf den Tag vorzubereiten, gehen wir gefestigt und gestärkt durch ihn und erhalten uns dabei einer langen Gesundheit, brahmamuhūrta. Eine der wichtigen täglichen Anwendungen ist Jalaneti – Nasenspülung
Ojas
Ojas ist für uns am ehesten durch den Begriff „Ausstrahlung“ wiederzugeben. Es ist die allerfeinste Körpermaterie. Stärkt man sein Ojas, werden unter anderem Langlebigkeit, Körperkraft, eine vitale, anziehende Ausstrahlung und ein glückliches Lebensgefühl gesteigert.
Heilige Veranstaltung, Städte und Flüsse
Heilige Veranstaltung
Kumbha Mela – die größte Wallfahrt der Welt.
Die Flüsse
Ganges – Ganga – die Mutter, zärtlich genannt. Heiligster Fluss in Indien.
Yamunā – Fluss, der quer durch Nordindien fließt.
Sarasvatī – ein unsichtbarer Fluss.
Wichtige Städte
Beispiele für Städte in Nordindien, in denen große religiöse Feste stattfinden.
Varanasi, Allahabad, Rishikesh oder Haridwar.
[1] bis 3 Aus „Heilpflanzen der ayurvedischen Medizin“ Andrea Zoller und Hellmuth Nordwig,
Narayana verlag kandern, 2012, Seite 651.
