EINFÜHRUNG
Der indische Ayurveda ist eines der ältesten wissenschaftlichen Medizinsysteme der Welt und hat neben der traditionell chinesischen Medizin (TCM) und der Akupunktur einen festen Platz in der westlichen Welt gefunden.
PHILOSOPHIE
Der Ayurveda basiert auf drei um die Zeitenwende entstandenen ausführlichen Standardwerken: Cāraka Saṃhitā, Suśruta Saṃhitā und Aṣṭāṅga Hdayam.
Diese Schriften sind bis heute Grundlage für jeden ayurvedisch arbeitenden Arzt oder Heilpraktiker. Wörtlich bedeutet Ayurveda das Wissen, veda, vom langen Leben, āyus.
So geht es im Ayurveda nicht nur darum, den erkrankten Menschen wieder gesund zu machen, sondern auch um das Wissen, Gesundheit zu erhalten. Schon durch die tägliche rituelle Morgenreinigung von Körper, Geist und Seele tritt man dem Tag erfrischt und positiv eingestellt entgegen.
Nach der ayurvedischen Philosophie kommt jeder Mensch mit einer bestimmten Konstitution auf die Welt, die auf den sogenannten drei doṣas – vāta, pitta und
kapha – basiert.
Ist der Mensch im Gleichgewicht, erfüllt jedes einzelne der drei doṣas seine ihm zugeordnete Funktion.
Vāta – Äther und Luft – erfüllt die Prinzipien der Bewegung
Pitta – Feuer und Wasser – erfüllt die Prinzipien der Umwandlung
Kapha – Erde und Wasser – erfüllt die Prinzipien des Aufbaus und des Zusammenhalts.
Verliert der Mensch aus unterschiedlichsten Gründen sein Gleichgewicht, können sich ein, zwei oder sogar alle drei doṣas verändern:
Vāta führt zu Erkrankungen, die eine trockene, kalte oder rauhe Natur haben;
emotional fühlt man sich unsicher und ängstlich.
Stress, viele Reisen, ein überladener Terminkalender, zu trockenes oder kaltes Essen können auslösende Gründe für eine durch vāta verursachte Erkrankung sein.
Pitta führt zu Erkrankungen, die eine durchdringende und heiße Natur haben;
emotional fühlt man sich aggressiv und jähzornig.
Überarbeitung, Nachtarbeit, zu scharfes oder saures Essen können Gründe für eine durch pitta verursachte Erkrankung sein.
Kapha führt zu Erkrankungen, die eine feuchte, schwere und kalte Natur haben;
emotional fühlt man sich träge, anhänglich, habgierig und schwer.
Fettes, kaltes oder unverdauliches bzw. unverträgliches Essen können Gründe für eine durch kapha verursachte Erkrankung sein.
Sind die doṣas gestört und der Mensch erkrankt, zeigt sich dies dort, wo Gewebe, dhaṭus, oder Körperkanäle, śrotras, am schwächsten sind.
Folgende Begriffe der ayurvedischen Lehre sind von zentraler Bedeutung: |
Im Ayurveda werden zur Wiederherstellung der Gesundheit neben Metallen, Mineralien und tierischen Produkten vor allem Pflanzen entsprechend ihrer gesamten Qualitäten eingesetzt:
Guṇa, die 20 verschiedenen Eigenschaften
Rasa, die 6 Geschmacksrichtungen
Vipāka, der süße oder scharfe Geschmack nach der Verdauung und
Vīrya, die Wirkung einer Heilpflanze helfen das Gleichgewicht der doṣas wieder herzustellen.
DIE VORGEHENSWEISE
- a) Handelt es sich um eine akute Erkrankung, erfolgt die Behandlung organotrop. Das heißt, dass die Erkrankung unter Berücksichtigung verschiedener Symptome besonders mit Präparaten aus der Pflanzenheilkunde behandelt wird.
- b) Bei einer chronisch gewordenen Erkrankung hat sich āma , das „Unverdaute“, wie zum Beispiel in Form von Schlackstoffen im Körper manifestiert und muss in verschieden Stufen wieder aufgelöst und zu den nahe liegenden Körperkanälen zurückgeführt werden. Von dort aus wird āma auf natürlichem Wege ausgeschieden. Dieses Verfahren nennt man pañcakarma. Diese Behandlung, die einer Vorbereitung und einer Nachbehandlung bedarf, dauert je nach Schwierigkeitsgrad zwischen einer und sechs Wochen.
Bei beiden Verfahrensweisen spielen die Konstitution, die Ernährung, die täglichen Gewohnheiten, aber auch die Jahreszeiten, in der die Erkrankung auftritt, eine bedeutende Rolle.
BEISPIEL: HUSTEN
Nach ayurvedischer Philosophie entsteht Husten durch eine Ansammlung von kapha im oberen Bereich der Atemwege. Parallel dazu ist jāṭhara agni, das Verdauungsfeuer, nicht stark genug. Der Körper versucht sich selbst zu heilen und versucht mit Hilfe von prāṇa vāta den Schleim auszuwerfen. Der Husten selbst ist ein Reflex, der von vāta ausgelöst wird. Er entsteht durch eine Reizung zwischen zwei entgegenwirkenden Faktoren: prāṇa vāta, die Einatmung, und udāna vāta, die Ausatmung. Bei einer Reizung durch vāta und einer Vermehrung der Schleimhäute durch kapha wird der Husten letztendlich ausgelöst.
Ein Hustenreiz kann durch unterschiedliche Faktoren verursacht werden:
• Fremdkörper • Erkrankungen der Atemwege
• Erkrankungen des Herzens oder des Magens • psychische Erkrankungen
Atembeschwerden können sich außerdem durch
• Unterdrückung von Bedürfnissen • unzureichende Ernährung
• körperliche Verausgabung • Rauchen von Tabak
entwickeln.
Die Wirkungen der doṣas auf Husten als Krankheitsbild:
- Ein Husten mit dem Untertyp vāta ist trocken, geht mit häufigen Hustenkrämpfen und Schmerzen während der Atmung einher.
• Der Husten mit dem Untertyp pitta bewirkt einen brennenden Schmerz in der Brust. Fieber begleitet den meist trockenen Husten.
• Ein Husten mit dem Untertyp kapha ist festsitzend und dickflüssig mit viel zähem Schleim und wird nur schwer abgehustet.
Indische Heilpflanzen bei Husten und Bronchitis und ihre Rezepturen
- a) Kāsahāra (kāsa- ‚Husten‘, hāra- ‚vertreiben‘). Zu dieser Gruppe gehören Heilpflanzen die den Husten vertreiben. Die in dieser Rubrik aufgelisteten Heilpflanzen sind hustenreizlindernd und bronchialsedativ. Sie beruhigen die Atemwege und lindern den Hustenreiz durch ihre erhitzende Wirkung, besonders bei einem schleimigen durch kapha verursachten Husten.
Aus dieser Gruppe ist Piper longum, der lange Pfeffer, besonders hervorzuheben. Zusammen mit schwarzem Pfeffer, Kalmus und Weintrauben wird ein leicht alkoholhaltiges, fermentiertes Kräutergetränk hergestellt:
Pippalī ariṣṭa oder Pippalī āsava: Diese Rezeptur hat eine stoffwechselanregende Wirkung, ist erhitzend und verstärkt das Verdauungsfeuer agni. Sie hilft bei Husten und Asthma, aber auch bei Appetitlosigkeit, Anämie und Verdauungsstörungen und bei akuten und chronischen Erkrankungen am Darm.
Dosierung: 12- 30 ml dieses Kräutertrunks werden nach dem Mittag- und dem Abendessen eingenommen.
- Pluchea lanzeolata, mit lokalem Namen rāsnā, ist Hauptbestandteil dieser Pflanzenmischung. In Indien gilt rāsnā als die Pflanze mit der am meisten vāta reduzierenden Eigenschaft:
Rāsnādi cūrṇa, Rasnadi Choornam: Bei Husten und Heiserkeit, aber auch bei Erkrankungen aus dem rheumatischen Formenkreis, Entzündungen der Nasennebenhöhlen und Kopfschmerzen wird dieses medizinische Pulver angewandt:
– Bei Erkältungen wird das Pulver entweder alleine trocken oder zusammen mit Ingwer, Rizinus oder Tinospora cordifolia angesetzt, und je nach Jahreszeit mit warmem Wasser, Kuhmilch, Zitronensaft oder Rizinusöl angerührt auf der Stirn oder dem Scheitel eingerieben.
– Bei verstopfter Nase kann 3-5 g des Pulvers in heißes Wasser gegeben und der Dampf inhaliert werden
Dosierung: 3-5 g des Pulvers werden in ½ l Wasser gekocht, bis ein Achtel übrig bleibt. Diese Abkochung wird morgens zusammen mit 1 Esslöffel Rizinusöl getrunken.
b) Bei durch pitta verursachtem Husten, pittavikāra, helfen Rezepturen, die den Husten, der mit Fieber oder mit brennendem Schmerz in der Brust und/oder einer Entzündungen einhergeht, lindern. Die Rezepturen sind meist kühlend, verflüssigend und auswurffördernd.
- Amtā ist neben guḍūcī die Sanskritbezeichnung für Tinospora cordifolia :
Amtādi kvātha, Amtottaram kaṣāyam ist eine Abkochung, die bei Husten, der mit Fieber und Schwäche einhergeht, verabreicht wird. Diese Kräutermischung wird besonders zum āma verdauen, dem āma pācana, vor einer Pañcakarma Kur empfohlen. Diese Abkochung hilft außerdem bei chronischer Diarrhö, Ruhr und bei einem geschwächten Immunsystem. Bezüglich ihrer Wirkung ist sie besonders pitta, aber auch kapha lindernd, abwehrstärkend, schleimlösend, entzündungs-hemmend, āma pācana und kühlend.
Dosierung und Anwendung: 60 ml der Abkochung wird eine Stunde vor dem Frühstück und eine Stunde vor dem Abendessen eingenommen.
- Eine Abkochung, kvātha, aus 10 Wurzeln, daśamūla, bildet sich aus einer Kombination aus fünf leichten, laghu, und fünf großen, bhat, Wurzeln, mūla, die gemeinsam eine entzündungshemmende Wirkung haben:
Daśamūla kaṭutrayādi kvātha, Dasamoolakatutrayam Kashayam ist ein großes Heilmittel bei Erkrankungen, die mit Entzündungen einhergehen. Besonders kapha, aber auch vāta und pitta werden gelindert: tridoṣa pācana. Die Abkochung ist erhitzend, auswurfsfördernd und entzündungshemmend und wird gerne bei Atemwegserkrankungen wie Husten, Asthma, Heuschnupfen mit Fieber verschrieben. Weitere Wirkungsbereiche sind die Behandlung bei Schmerzen und Beschwerden mit Schmerzen im Rücken und im Sakralbereich wie auch bei Erkrankungen im Wochenbett.
Dosierung und Anwendung: 2 x 80 ml der Abkochung werden eine Stunde vor dem Frühstück und eine Stunde vor dem Abendessen eingenommen.
- Ein aus gekochtem Getreide zubereitetes Getränk, sūra, wird zusammen mit dem frischen Saft der Blätter des indischen Lungenkraut, Justika adhatoda, vāsaka, zu einem fermentierten Getränk, ariṣṭa, angesetzt:
Vāsaka ariṣṭa hat eine kapha und pitta beruhigende Wirkung, besonders auf die Organe der Atemwege. Es wirkt besonders bei Husten mit Fieber, Atemnot und Bronchialasthma. Bei Entzündungen wie der Lungentuberkulose, aber auch bei blutigen Durchfällen ist es ein großartiges Mittel.
Dosis: 12- 30 ml werden nach dem Mittag- und dem Abendessen eingenommen.
- Eine fermentierte Rezeptur mit Trauben, Vitis vinifera, die als Hauptbestandteil zu einem fermentiertes Getränk vergoren wird, hilft besonders bei Husten, der mit Schwäche, Atemnot und Schmerzen in der Brust einhergeht:
Drākṣa āsava. Die Eigenschaft, die diese Rezeptur hier ausmacht, ist in erster
Linie kühlend, tonisch und leicht schmerzstillend.
Dosis: 12- 30 ml werden nach dem Mittag- und dem Abendessen eingenommen.
- c) Bei einem durch kapha verursachten Husten helfen die Heilpflanzen aus der Gruppe śleṣmahāra, die, die den Schleim vertreiben (śleṣma– ‚Schleim‘, hāra– ‚vertreiben‘). Ihre Wirkung basiert auf der Vermehrung und Verflüssigung von Schleim, wobei der Tonus der Bronchialmuskeln erhöht wird. Bei einem Husten mit dickflüssiger und festsitzender, zäher Absonderung, der nur schwer ausgeworfen werden kann, helfen die Pflanzen durch ihre bitteren, herben oder scharfen Geschmacksrichtungen. Sie sind erhitzend, entfernen kapha und sind bezüglich ihrer Eigenschaft hauptsächlich spitz.
- Das Pulver, das Hauptsächlich aus den Nadeln der Abies spectabilis, tālīspatrāḍhya, dem langen und dem schwarzem Pfeffer, Ingwer, Bambussaft, Kardamom und Zimt (hier aber die Blätter)zubereitet wird, wird von Kindern wegen seines angenehmen Geschmacks sehr geschätzt:
Tālisādi cūrṇa, Taleesapatradi cūrṇam: bei Husten, Bronchialasthma, Erkältung, aber auch bei leichten Verdauungsstörungen hilft diese wohlschmeckende und erhitzende Gewürzmischung. Das Pulver, cūrṇa, reduziert vāta und kapha, ist auswurffördernd, bronchialerweiternd und entzündungshemmend.
Dosierung: 3 g des Pulvers werden dreimal am Tag mit Honig, der das beste Medium ist um kapha zu reduzieren, eingenommen.
- Eine Pulvermischung mit den gleichen Anteilen vom indischen Eisenhut, Aconitum heterophyllum, Nusskraut, langem Pfeffer und dem Essigbaum hilft besonders bei Kindern, die während der Zahnung einen Husten entwickeln:
Bālacaturbhadrikā cūrṇa: Die Wirkung dieser Kräutermischung ist auswurfsfördernd, fieberlindernd, antidiarrhoisch, āma abbauend, āmapācana. Alle doṣas werden gelindert, tridoṣa pācana, antipyretisch, antidiarrhoisch.
Dosierung: ½-1g. Das Pulver wird mit Honig gegeben. Bei Säuglingen wirkt das Mittel, wenn es die stillende Mutter einnimmt.
- Durch seine auswurffördernde Eigenschaft ist das indische Lungenkraut, vāsaka ariṣṭa,
siehe oben, besonders zu empfehlen.
Gewürzpflanzen bei Husten und Bronchitis
Gewürzpflanzen in der täglichen Küche dienen der Erhaltung der Gesundheit. Sehr viele der ayurvedischen Heilmittel gehören inzwischen in der „westlichen Küche“ zum vorrätigen Sortiment und auch recht exotische Namen wie tulsi, brahmi, neem oder hīṅg, der Stinkasant, gehen immer leichter über die Lippen.
- Asafoetida, der Stinkasant, hat eine expektorante Eigenschaft. Das Pulver wird in etwas warmem Öl angerührt und auf Brust und Rücken eingerieben.
• Das indische Basilikum, tulsī, hat eine schleimlösende und expektorante Wirkung. Das Pulver kann als Tee zubereitet getrunken werden. Das ätherische Öl der Pflanze wird bei Verschleimungen und Husten auf den Brustbereich eingerieben, oder auf den Kopf in Form von Tulasīpatrādi taila aufgetragen.
- Fenchel und Anis haben eine schleimverflüssigende Eigenschaft.
- Majoran hat eine expektorante Eigenschaft. Als Tee getrunken, 1-2 Teelöffel auf ¼ l Wasser, wirkt er sehr gut bei starkem Husten.
- Die indische Myrrhe ist meist als Räucherharz erhältlich. Bei Erkrankungen der Atemwege wird der Rauch des verbrannten Harzes eingeatmet. Aber Vorsicht: gelegentlich kann das Harz, guggulu, eine Allergie auslösen.
- Nelken haben eine schleimbildende und expektorante Eigenschaft und helfen sehr gut bei trockenem Husten. Aus verschiedenen Heilpflanzen wird ein feines Pulver hergestellt. Diese Mischung, die auch Nelken beinhandelt, elādi cūrṇa, hilft bei Husten mit Atemnot, Schwäche, Übelkeit und Erbrechen.
- Süßholz hat eine schleimlösende, expektorante und entzündungshemmende Eigenschaft und hilft sehr gut bei trockenem Husten. Dabei werden getrocknete kleine Äste im Mund lange zu einer wohlschmeckenden Masse zerkaut. In Indien hängt man eine aus Kräutern bestehende Kette Kindern um den Hals, um sie vor Husten und anderen Krankheiten zu schützen. Aber auch Sänger verzichten nur ungern auf dieses „Medikament“ zum Erhalt ihrer Stimme.
- Ein selbst hergestelltes Hustenbonbon wird zu gleichen Teilen aus Zimt, Anis, Süßholz, Fenchel, Korinthen, Zucker oder Honig zu kleinen Pillen verarbeitet. Dabei ist zu beachten, dass der Honig dabei nicht erwärmt werden soll. Davon mehrfach
am Tag ein „Bonbon“ lutschen.
„Last but not least“: Die Wirkung von Wasser bei Husten
- Schon durch seine erhitzende Wirkung hat Wasser eine heilende Wirkung auf den ganzen Körper, wenn Wärme indiziert ist. Im Ayurveda wird dem Wasser eine besonders heilkräftige Wirkung zugeschrieben, wenn 64 Teile Wasser so lange gekocht werden, bis 20 Teile der Gesamtmenge übrig bleiben. In diesem Wasser, pānīya, kann 1 Teil einer grobgeriebenen Droge (z.B. Ingwer) mitgeköchelt werden. Die Wirkung ist besonders intensiv, wenn ein Glas dieser Art des zubereiteten Wassers morgens nüchtern getrunken wird.
